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Teil I · Das Fundament

Was ist Agilität? Und warum ich lieber von agilem Arbeiten spreche

Kapitel 01506 Wörter3 min

Bevor wir tief in die Methoden und Praktiken eintauchen, lass uns einen Moment innehalten. Im Vorwort und auch im Titel dieses Buchs spreche ich bewusst von agilem Arbeiten. Du wirst diesen Begriff hier immer wieder lesen. Doch warum? Der gängige Begriff ist doch “Agilität”.

Ehrlich gesagt ist mir der Begriff “Agilität” über die Jahre zu schwammig, zu allgemein und, ja, oft auch einfach verbrannt vorgekommen. In über 80 Folgen meines Podcasts habe ich gemerkt, dass ich mich ganz natürlich in Richtung “agiles Arbeiten” bewegt habe. Es drückt für mich viel besser den Kern aus: das Tun, das Schaffen, das Handwerk.

Was ist also diese grundlegende Haltung, jenseits von Buzzwords und Zertifikaten? Für mich ist es eine Haltung, die drei Dinge radikal in den Mittelpunkt stellt:

  1. KONTEXT: Die Anerkennung, dass wir uns fast immer in unsicherem Terrain, im “Neuland”, bewegen.
  2. ZIEL: Maximaler Nutzerwert, nicht maximale Planerfüllung.
  3. FÄHIGKEIT: Lernen und Anpassen als die alles entscheidende Kernkompetenz.

Umgesetzt wird diese Haltung durch einen gnadenlos ehrlichen Kreislauf: In kurzen Zyklen funktionierende Software liefern, echtes Feedback einholen und den Kurs permanent anpassen.

Genau das ist die Abgrenzung zum plangetriebenen Ansatz. Dieser geht von der Illusion aus, man könne Komplexität durch einen perfekten Plan am Anfang beherrschen. Er optimiert für Vorhersagbarkeit in einer Welt, die nicht vorhersagbar ist. Nichts verdeutlicht diesen fundamentalen Unterschied besser als die Gegenüberstellung des klassischen „Eisernen Dreiecks“ des Projektmanagements mit seinem agilen Gegenstück.

Das klassische “magische Dreieck”

Klassisches “magisches Dreieck”

In diesem Modell steht der Umfang an der Spitze und ist fix. Die beiden anderen Ecken, Zeit und Budget, sind die Variablen, die geschätzt werden, um den festen Umfang zu liefern. Die Qualität, oft als vierte, unsichtbare Variable in der Mitte, ist das Erste, was leidet, wenn Zeit oder Budget knapp werden. Das Ziel ist, den Plan zu erfüllen.

Das agile “magische Dreieck

Agiles “magisches Dreieck”

Agiles Arbeiten stellt dieses Dreieck buchstäblich auf den Kopf. Im agilen Dreieck sind Zeit (in Form von kurzen Iterationen) und Budget (z.B. in Form von Teamgröße oder Sprints) die festen Größen. Die Variable, die wir anpassen, ist der Umfang. Statt zu fragen: „Wie lange brauchen wir für all diese Features?“, fragen wir: „Welche wertvollsten Features können wir in der vorgegebenen Zeit und mit dem gegebenen Team umsetzen?“ Im Zentrum steht nicht mehr die Planerfüllung, sondern der Wert (oder die Qualität) für den Kunden. Wir akzeptieren, dass wir nicht alles wissen können, und optimieren stattdessen für maximales Lernen und maximale Wertschöpfung innerhalb fester Leitplanken.

Diese bewusste Flexibilisierung des Umfangs zugunsten von maximalem Wert ist die Antwort auf eine komplexe Welt. Das Festhalten am starren, plangetriebenen Denken hingegen ist die systematische Zerstörung von Wert: Man ignoriert wertvolles Lernen, produziert unnötige Arbeit (“Waste”) und liefert am Ende das perfekte Produkt für ein Problem, das der Kunde vielleicht gar nicht mehr hat.

Du siehst also: Agilität ist für mich die grundlegende Haltung, das Mindset. Agiles Arbeiten ist die tägliche, ehrliche Praxis, die dieses Mindset mit Leben füllt.

Und genau dieses Fundament – diese Haltung – wollen wir uns jetzt genauer ansehen.

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