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Teil II · Menschen und Zusammenarbeit Führung

Elastic Leadership

Kapitel 17888 Wörter4 min

Führung im agilen Umfeld ist ein Paradox. Einerseits fordern wir selbstorganisierte Teams, die autonom agieren und Entscheidungen treffen. Andererseits wissen wir, dass Teams ohne Führung ins Chaos stürzen können, besonders wenn der Druck steigt. Wie löst man diesen Widerspruch auf? Wann hältst du dich, wenn du in einer führenden Rolle bist, zurück und wann musst du eingreifen?

Die Antwort lautet: Es gibt nicht den einen richtigen Führungsstil. Effektive agile Führung ist nicht starr, sondern elastisch. Sie passt sich an die jeweilige Situation und den Reifegrad des Teams an. Das Konzept des Elastic Leadership, geprägt durch das gleichnamige Buch1 von Roy Osherove, gibt dir dafür ein klares mentales Modell an die Hand. Es hat mir persönlich die Augen geöffnet, als mein eigenes Team in einer schwierigen Phase steckte und ich unsicher war, wie ich führen sollte, ohne die Selbstorganisation zu untergraben.

Die Kernidee ist einfach: Jedes Team durchläuft verschiedene Phasen, und jede Phase erfordert einen anderen Führungsstil von dir.

Die drei Phasen eines Teams

1. Die Überlebensphase (Survival Mode) Du erkennst diese Phase sofort: Das Team hetzt von Deadline zu Deadline. Es werden nur noch Feuer gelöscht. Es prasseln ständig neue, dringende Anforderungen herein, und es bleibt absolut keine Zeit mehr zum Lernen oder Reflektieren. Das Team reagiert nur noch, es agiert nicht mehr. Chaos und Überlastung sind die Norm. In dieser Phase kämpft das Team ums Überleben.

2. Die Lernphase (Learning Mode) Das Team hat den Kopf wieder über Wasser. Der akute Druck hat nachgelassen, und es gibt wieder Freiräume. In dieser Phase hat das Team die Kapazität, über die eigene Arbeit nachzudenken, Probleme zu analysieren, Prozesse zu verbessern und neue Fähigkeiten zu erlernen. Es ist der Weg zurück zur Normalität und zur Weiterentwicklung.

3. Die Selbstorganisationsphase (Self-Organizing Mode) Das Team ist in einem stabilen, produktiven Fluss. Es arbeitet eigenständig, trifft die meisten Entscheidungen selbst und verbessert seine Prozesse kontinuierlich. Die Teammitglieder vertrauen einander und übernehmen gemeinsam die Verantwortung für ihre Ergebnisse. Du wirst feststellen, dass diese Phasen oft mit den Autonomie-Stufen aus dem Hackman-Modell korrelieren. Ein Team im Self-Organizing Mode bewegt sich typischerweise auf den höheren Stufen der Selbstgestaltung.

Dein Führungsstil: Vom Kommandanten zum Coach zum Unterstützer

Dein Job als Führungskraft ist es, zu erkennen, in welcher Phase sich dein Team befindet, und deinen Stil entsprechend anzupassen. Elastic Leadership unterscheidet hier drei Modi:

1. Commanding (Kommandieren) in der Überlebensphase Wenn dein Team im Survival-Modus ist, ist ein unterstützender, zurückhaltender Stil fehl am Platz. Das Team braucht jetzt eine klare, direktive Führung, um wieder handlungsfähig zu werden.

  • Deine Aufgabe: Triff klare Entscheidungen. Setze eindeutige, kurzfristige Prioritäten. Gib konkrete Anweisungen. Dein Ziel ist es nicht, beliebt zu sein, sondern das Team so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zu führen.
  • Die wichtigste Maßnahme: Schaffe sofort Freiräume, auch wenn es wehtut. Blocke eine halbe Stunde nach dem Daily für eine gemeinsame Reflektion. Verhandle mit Stakeholdern, um den Druck zu reduzieren. Kommuniziere transparent, dass das Team überlastet ist und ihr Maßnahmen ergreift. Nur so könnt ihr die Ursachen für den Survival-Modus beseitigen.
  • Die Gefahr: Bleibe nicht zu lange in diesem Modus! Direktive Führung ist eine Notfallmedizin, keine Dauerlösung. Je länger du kommandierst, desto mehr gewöhnt sich das Team daran und desto schwerer wird der Weg zurück zur Eigenverantwortung.

2. Coaching (Coachen) in der Lernphase Sobald der akute Druck nachlässt, musst du deinen Stil sofort ändern. Jetzt ist nicht mehr der Kommandant, sondern der Coach gefragt.

  • Deine Aufgabe: Hilf dem Team, selbst Entscheidungen zu treffen. Stelle die richtigen Fragen, anstatt Antworten zu geben. Ermutige sie, Lösungen für ihre Probleme zu finden. Du bist jetzt Mentor und Unterstützer.
  • Die wichtigste Maßnahme: Ziehe dich bewusst zurück. Halte in Meetings die Stille aus und gib dem Team den Raum, das Vakuum zu füllen. Gib schrittweise Verantwortung ab. Werkzeuge wie das Delegation Poker sind in dieser Phase ideal, um diesen Prozess transparent und sicher zu gestalten.

3. Supporting (Unterstützen) in der Selbstorganisationsphase Wenn das Team selbstorganisiert arbeitet, trittst du noch einen weiteren Schritt zurück. Du bist jetzt der Unterstützer und Facilitator im Hintergrund.

  • Deine Aufgabe: Gib dem Team das volle Vertrauen. Beseitige Hindernisse, die das Team nicht selbst aus dem Weg räumen kann. Greife nur noch ein, wenn es absolut notwendig ist, zum Beispiel, wenn du siehst, dass das Team droht, wieder in den Survival-Modus abzurutschen.
  • Die wichtigste Maßnahme: Schaffe und schütze den Freiraum, in dem die Power des Teams zur vollen Entfaltung kommen kann. Sei da, wenn das Team deinen Rat braucht, aber dränge dich nicht auf.

Fazit: Führung ist Bewegung

Elastic Leadership ist kein starres Regelwerk, sondern ein dynamisches Modell. In der Praxis sind die Übergänge zwischen den Phasen fließend, und du wirst ständig gefordert sein, deine Rolle neu zu justieren.

Die größte Herausforderung ist, die aktuelle Phase deines Teams ehrlich zu diagnostizieren und den Mut zu haben, deinen Stil anzupassen – auch wenn es sich unangenehm anfühlt. Es erfordert Mut, in einer Krise autoritär zu sein, und es erfordert noch mehr Mut, in stabilen Zeiten die Kontrolle abzugeben.

Aber genau diese Flexibilität ist der Kern agiler Führung. Es geht darum, dem Team genau die Art von Führung zu geben, die es jetzt gerade braucht, um zu wachsen und erfolgreich zu sein.

Situative Führung zeigt: Es gibt kein One-Size-Fits-All. Im nächsten Kapitel werfen wir einen Blick auf die Fähigkeiten, die jede agile Führungskraft braucht.

Quellen

  1. Osherove, Roy. Elastic leadership: growing self-organizing teams. Manning, 2017.↩︎

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