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Teil I · Das Fundament

Warum Agilität nicht tot ist

Kapitel 06756 Wörter4 min

Wenn ich höre, dass Agilität tot sei, frage ich mich immer: Was denn anders machen? Und was genau ist die Alternative zu agilem Arbeiten?

Die Wahrheit ist: Die Aussage „Agilität ist tot“ ist in meinen Augen grundfalsch. Das Problem ist nicht die Agilität selbst, sondern ihre oft nicht optimale Umsetzung in der Praxis. Die Frustration, die viele empfinden, ist absolut nachvollziehbar, aber sie richtet sich gegen ein Zerrbild von Agilität, nicht gegen den eigentlichen Kern. Lass uns die wahren Gründe für diesen Frust genauer ansehen.

Die wahren Gründe für die Frustration: Fake Agile und Dark Agile

Wenn Unternehmen scheitern, liegt das meist an zwei Mustern:

  1. Fake Agile: Unternehmen beschließen, „agil zu werden“. Oft greifen sie dann zu Scrum, weil es wie eine klare Einstiegsdroge wirkt – die Regeln und Rollen sind im Scrum Guide gut erklärt. Sie führen die Methode ein, ohne aber die Basis verstanden zu haben. Sie wissen nicht, warum sie es tun und was die Prinzipien des agilen Manifests wirklich bedeuten. Das Ergebnis ist eine mechanische Umsetzung von Ritualen ohne den agilen Geist.

  2. Dark Agile: Dieses Muster ist noch schlimmer. Hier wird eine agile Methode wie Scrum ganz bewusst als Deckmantel benutzt. Nach außen hin gibt man sich modern und agil, aber intern nutzt das Management die Strukturen, um weiterhin top-down zu steuern, zu kontrollieren und im Grunde wasserfallartig zu arbeiten. Für die Mitarbeiter in einem solchen Umfeld ist das extrem frustrierend, weil sie in einem System gefangen sind, das Agilität verspricht, aber Kontrolle lebt.

Dazu kommt eine dritte Säule, die das Ganze befeuert: die Kommerzialisierung. Eine wahre Flut an Zertifikaten und Coaching-Angeboten hat den Markt überschwemmt. Um immer neue Produkte verkaufen zu können, werden agile Ansätze mit immer mehr Komplexität überladen (Beispiel: SAFe1). Das ursprüngliche, schlanke Fundament geht dabei völlig verloren.

Diese Muster sind die direkte Folge, wenn Unternehmen versuchen, nur die Spitze des agilen Eisbergs zu kopieren.

Das eigentliche Problem: Ein grundlegendes Missverständnis

Das größte Problem ist also eine fehlgeleitete Interpretation von Agilität. Die Leute sind frustriert von dem, was in ihrem Unternehmen als „agil“ verkauft wird, und glauben, das sei Agilität. Dabei haben sie die echte Agilität nie erlebt.

Besonders Scrum befindet sich hier in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite ist seine Einfachheit und Klarheit der Grund für seinen riesigen Erfolg. Du kannst den Scrum Guide lesen und im Grunde sofort loslegen. Auf der anderen Seite ist genau das seine größte Last. Du kannst Scrum nach allen Regeln des Playbooks umsetzen, ohne auch nur ein Stück weit agil zu sein. Du kannst alle Rituale durchführen, aber wenn das Fundament fehlt, bleibt es eine leere Hülle.

Viele setzen heute Agilität grundsätzlich mit Scrum gleich und haben keine Vorstellung von der eigentlichen Basis – dem agilen Manifest und den Situationen, in denen agiles Arbeiten überhaupt sinnvoll ist.

Wann Agilität wirklich lebt

Agilität ist kein Allheilmittel, das man wie ein Pflaster auf jede Organisation kleben kann. Sie entfaltet ihre Stärke nur unter bestimmten Bedingungen. Jemand hat das auf Mastodon letztens treffend zusammengefasst:

Agilität lebt dort, …

  • wo Time-to-Market und Cost of Delay entscheidende Metriken sind.
  • wo es starken Marktwettbewerb, disruptive Technologien und sich schnell ändernde Kundenerwartungen gibt.

Agilität ist hingegen tot, …

  • wo sie sich zu weit von ihrem eigentlichen Anwendungskontext entfernt.
  • wo sie zu einem Produkt für alle wird und einfache Rezepte verkauft werden, die die Komplexität ins Unendliche steigern.

Der Weg nach vorn: Zurück zu den Grundlagen

Was ist also die Lösung? Ganz einfach: Back to Basics!

Investiere deine Zeit und deinen Einfluss darauf, in deinem Umfeld immer und immer wieder die agile Basis zu erklären. Bevor du über die Einführung von Scrum, Kanban oder XP sprichst, sorge dafür, dass alle verstehen, was das agile Manifest wirklich bedeutet: Software für Kunden zu liefern, die schnell und erfolgreich am Markt sein muss. Das kannst du übrigens auch machen, wenn ihr eine agile Methode bereits eingeführt habt.

Mein Appell ist klar: Legt den Fokus auf das Fundament. Es ist besser, einen pragmatischen Mix aus verschiedenen Methoden zu entwickeln, der wie ein Handschuh zu eurer Organisation passt und den Zweck der Agilität erfüllt, als stur nach den Regeln von Scrum zu arbeiten, ohne den Sinn dahinter zu leben.

Die Aussage “Agilität ist tot” ist nicht nur falsch, sie lenkt vom eigentlichen Problem ab. Sie schiebt die Schuld auf das Konzept, anstatt die fehlerhafte Umsetzung in den Fokus zu rücken.

Wir haben entlarvt, warum „Agilität ist tot“ Unsinn ist. Jetzt lade ich dich zu einem Gedankenexperiment ein, das den wahren Kern von Agilität freilegt.

Quellen

  1. „Scaled agile framework“. In Wikipedia. 2025. https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Scaled_agile_framework&oldid=1291774960.↩︎

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