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Teil I · Das Fundament

Post Agile

Kapitel 081.339 Wörter7 min

Nachdem wir uns nun intensiv mit dem Fundament, den Prinzipien und den Herausforderungen von Agilität beschäftigt haben, möchte ich zum Abschluss dieses Teils einen Blick nach vorne werfen. Immer wieder taucht in Diskussionen der Begriff „Post-Agile“ auf. Er suggeriert, dass wir uns in einer Zeit nach der Agilität befinden, dass ihre Prinzipien überholt sind und wir etwas Neues brauchen. Oft schwingt dabei die bekannte These „Agile is dead“ mit.

Aber was bedeutet „Post-Agile“ wirklich? Ist es eine Revolution, eine Evolution oder vielleicht nur ein cleverer Marketing-Schachzug?

Die Argumente der Post-Agile-Befürworter

Die Verfechter einer post-agilen Welt bringen oft valide Kritikpunkte an der gelebten agilen Praxis vor:

  1. Starre Rituale und Dogmen: Agile Methoden, allen voran Scrum, haben sich oft zu starren Regelwerken entwickelt. Teams halten sich dogmatisch an das „Playbook“ (z.B. den Scrum Guide), führen Rituale wie Dailys oder Refinements durch, ohne deren eigentlichen Zweck zu hinterfragen. Post-Agile plädiert dafür, sich von diesen starren Vorgaben zu lösen und pragmatisch zu prüfen: Was hilft uns wirklich, schnell Feedback zu bekommen und wertvolle Software zu liefern?

  2. Fokus auf Werte und Outcome: Ein weiterer Kernpunkt ist die Abkehr von internen Metriken wie Velocity oder Story Points (Output) hin zum einzigen, was wirklich zählt: dem geschaffenen Kundennutzen (Outcome). Es geht nicht darum, wie viel ein Team arbeitet, sondern darum, ob das Ergebnis dem Kunden hilft, am Markt erfolgreicher zu sein.

Diese Kritikpunkte teile ich voll und ganz. Ironischerweise sind sie jedoch keine Abkehr von der Agilität, sondern eine Rückbesinnung auf ihren eigentlichen Kern. Das agile Manifest hat nie etwas von Velocity gesagt. Es hat immer den Kunden und die funktionierende Software in den Mittelpunkt gestellt.

Warum wir noch lange nicht „post“ sind

Der Bedarf an Agilität ist heute größer denn je. Die grundlegenden Bedingungen, die zur Entstehung des agilen Manifests geführt haben, haben sich nicht geändert – sie haben sich sogar verschärft. Wir arbeiten nach wie vor in einem unsicheren Umfeld, in dem wir das Ziel zwar kennen, der Weg dorthin aber unklar ist. Wir müssen permanent dazulernen und auf Feedback reagieren. Das ist der Nährboden, auf dem echte Agilität gedeiht und immer gedeihen wird.

Warum also die Diskussion um ein „Post-Agile“? Wenn man genauer hinsieht, wird sie oft von Interessen angetrieben, die wenig mit dem Kern der Sache zu tun haben:

  • Kommerzielle Interessen: Beratungsunternehmen, die jahrelang agile Transitionen verkauft haben, brauchen ein neues Produkt. Nachdem Scrum und SAFe überall eingeführt sind, ist „Post-Agile“ der nächste logische Schritt, um neue Workshops und Schulungen zu verkaufen.
  • Der KI-Hype: Viele versuchen, die Post-Agile-Diskussion mit dem Thema Künstliche Intelligenz zu verknüpfen. Sie behaupten, KI würde agile Coaches oder Scrum Master ersetzen. Das ist Unsinn. KI ist ein mächtiges Werkzeug, das uns bei repetitiven Aufgaben unterstützen kann, aber sie ersetzt weder menschliche Empathie noch die Fähigkeit, komplexe Teamsituationen zu analysieren und zu verbessern – ein Thema, auf das wir im Epilog dieses Buches noch ausführlich blicken werden.

Lasst euch von diesen Argumenten nicht ins Bockshorn jagen. Das Fundament der Agilität ist heute relevanter denn je.

Ein besseres Modell: Der Weg zur Meisterschaft mit Shuhari

Anstatt über das „Ende“ der Agilität zu sprechen, sollten wir uns darauf konzentrieren, sie meisterhaft anzuwenden. Hierfür bietet sich ein altes japanisches Konzept aus dem Kampfsport an: Shuhari. Es beschreibt den Lernprozess in drei Phasen.

1. Shu – Befolgen: In dieser Phase lernst du die Grundlagen und hältst dich strikt an die Regeln. Übertragen auf Agilität bedeutet das: Du verstehst zuerst das agile Manifest und seine Prinzipien. Wenn du dich für eine Methode wie Scrum entscheidest, wendest du sie „lehrbuchartig“ an, um das System dahinter wirklich zu durchdringen. Du sammelst Erfahrung und baust ein solides Fundament.

2. Ha – Brechen: Nachdem du die Grundlagen gemeistert hast, beginnst du, die Regeln zu hinterfragen und zu brechen. Du startest Experimente. Du passt die Methodik an deine spezifischen Bedürfnisse an. Vielleicht stellst du fest, dass Story Points für euch nicht funktionieren, oder ihr entwickelt ein besseres Format für eure Demos. In dieser Phase passt du das Gelernte an deine Praxis an.

3. Ri – Verlassen/Übertreffen: In der letzten Phase erreichst du die Meisterschaft. Du hast die Prinzipien so tief verinnerlicht, dass du dich von den ursprünglichen Regeln lösen kannst. Du entwickelst eigene, innovative Praktiken, die perfekt zu deinem Team und deinem Kontext passen. Du bist nicht mehr nur Anwender einer Methode, sondern Schöpfer deines eigenen agilen Weges.

Die meisten Unternehmen und Teams, die heute über das Ende der Agilität klagen, haben die erste Phase von Shuhari nie wirklich abgeschlossen. Sie haben die Regeln imitiert (Cargo-Kult), ohne das Fundament zu verstehen. Die Lösung ist also nicht „Post-Agile“, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesem Lernprozess.

Doch wie sieht eine solche Meisterschaft in der Praxis aus? Sie führt nicht weg von der Agilität, sondern zurück zu ihrem Kern. Als Antwort auf die zunehmende Komplexität und die “Fake Agile”-Problematik haben Vordenker der Community brillante Vereinfachungen geschaffen, die uns helfen, den Kompass neu auszurichten.

Die Essenz neu entdeckt: Heart of Agile und Modern Agile

Zwei dieser Ansätze sind besonders hervorzuheben, da sie den “No Bullshit”-Geist perfekt verkörpern. Sie ausführlich zu erklären, würde den Rahmen dieses Buchs sprengen. Daher möchte ich sie dir nur kurz vorstellen und dich ermuntern, in den angegebenen Quellen zustöbern.

Heart of Agile: Die radikale Vereinfachung

Alistair Cockburn (wir kennen ihn schon aus der Vorstellung zum agilen Manifest) hat Jahre später eine radikale Vereinfachung vorgeschlagen: Das Heart of Agile.1 Er hat beobachtet, dass funktionierende Teams, egal welche Methode sie nutzen, vier Dinge konstant gut machen. Diese vier Verben sind das schlagende Herz jeder agilen Arbeitsweise.

Heart of Agile
  • Collaborate (Zusammenarbeiten): Verbessert die Ideen und schafft Vertrauen.
  • Deliver (Liefern): Liefert echten Wert und ermöglicht Feedback.
  • Reflect (Reflektieren): Macht eine Pause, um nachzudenken und Erkenntnisse zu sammeln.
  • Improve (Verbessern): Passt den Kurs basierend auf diesen Erkenntnissen an.

Das ist es. Kein Scrum, kein Kanban, keine Rollen. Nur dieser einfache, kontinuierliche Kreislauf. Diese Reduktion auf das Wesentliche dient als perfekter Lackmustest: Egal, was ihr tut – tut ihr diese vier Dinge?

Modern Agile: Werte für das 21. Jahrhundert

Einen ähnlichen, aber etwas breiter gefassten Weg geht Joshua Kerievsky mit Modern Agile.2 Er hat die Werte des ursprünglichen Manifests modernisiert und um entscheidende Aspekte wie psychologische Sicherheit und kontinuierliches Lernen erweitert. Modern Agile basiert auf vier Leitprinzipien.

Modern Agile
  • Make People Awesome (Macht Menschen großartig): Der Fokus liegt nicht nur auf den Nutzern, sondern auf allen Beteiligten im Ökosystem – Kunden, Kollegen, Partner. Wenn sie durch deine Arbeit erfolgreich und “großartig” werden, wirst du es auch.
  • Make Safety a Prerequisite (Macht Sicherheit zur Voraussetzung): Echte Zusammenarbeit und Innovation sind nur in einem Umfeld möglich, in dem sich Menschen sicher fühlen – sicher, ihre Meinung zu sagen, Experimente zu wagen und Fehler zu machen.
  • Experiment & Learn Rapidly (Experimentiert & lernt schnell): Anstatt auf einen großen Plan zu wetten, führen wir viele kleine, sichere Experimente durch, um schnell zu lernen und den Kurs anzupassen.
  • Deliver Value Continuously (Liefert kontinuierlich Wert): Die Frage ist nicht, “was könnten wir alles bauen?”, sondern “was ist das kleinste, wertvollste Stück, das wir jetzt liefern können?”.

Beide Ansätze, Heart of Agile und Modern Agile, sind keine neuen, komplexen Frameworks. Sie sind das, was du bekommst, wenn du den ganzen Lärm ausblendest. Sie sind ein Kompass, keine Landkarte.

Fazit: Wir sind nicht Post-Agile, wir sind Pre-Shuhari

Die Lösung für die agile Müdigkeit in vielen Unternehmen ist nicht “Post-Agile”, sondern eine Rückbesinnung auf den Kern. Das Shuhari-Modell zeigt uns den Lernweg dorthin: Erst die Regeln verstehen, dann anpassen und schließlich meistern.

Heart of Agile und Modern Agile sind brillante Beispiele dafür, wie eine solche Meisterschaft aussieht. Sie werfen die grundlegenden Prinzipien nicht über Bord, sondern destillieren sie zu ihrer reinsten Essenz. Sie beweisen, dass Agilität kein starres Regelwerk ist, sondern ein Lernweg, der auch nach über 20 Jahren relevant und lebendig ist. Die meisten Unternehmen sind auf diesem Weg noch nicht am Ende, sondern stehen erst am Anfang.

Im nächsten Abschnitt fasse ich die zentralen Erkenntnisse dieses ersten Teils noch einmal klar zusammen.

Quellen

  1. „Heart of Agile“. In Heart of Agile. o. J. Zugegriffen 27. Oktober 2025. https://heartofagile.com/lets-begin/.↩︎

  2. Agile, Modern. „Modern Agile. In Modern Agile. o. J. Zugegriffen 27. Oktober 2025. http://www.modernagile.org/.↩︎

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