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Teil II · Menschen und Zusammenarbeit Kunden & Stakeholder

Das Problem der Iteration aus Kundensicht

Kapitel 24630 Wörter3 min

Im letzten Kapitel haben wir die Realität unserer Kunden beleuchtet: Sie agieren in Systemen, die auf Planung, Kontrolle und Vorhersagbarkeit ausgelegt sind. Diese Realität kollidiert frontal mit dem Herzstück der agilen Arbeitsweise: dem iterativen Vorgehen.

Die Idee, ein Projekt in kleinen, unvollständigen Schritten zu entwickeln, ist für die meisten Kunden und Stakeholder zutiefst kontraintuitiv. Es widerspricht allem, was sie über professionelles Projektmanagement gelernt haben. Dieser Konflikt ist der häufigste und tiefgreifendste Grund für Reibung in der agilen Zusammenarbeit.

Die menschliche Zuckung: „Ich muss doch erst mal wissen, was ich bekomme!“

Stell dir vor, du gehst zu einem Architekten, um ein Haus zu bauen. Du würdest erwarten, dass du am Ende einen vollständigen Bauplan mit allen Details und einem festen Preis bekommst, bevor der erste Bagger anrollt. Du würdest nicht akzeptieren, wenn er sagt: „Lasst uns mal mit dem Fundament anfangen, dann schauen wir weiter, wie das Wohnzimmer aussehen könnte.“

Genau diese Erwartungshaltung übertragen Kunden auf die Softwareentwicklung. Sie haben eine natürliche und verständliche „Zuckung“: Sie wollen wissen, was sie insgesamt bekommen, was es insgesamt kostet und wann es insgesamt fertig ist. Dieser Wunsch nach einem vollständigen Plan am Anfang fühlt sich sicher und professionell an.

Dahinter steckt jedoch ein fundamentaler Denkfehler: Die Annahme, man könne zu Beginn eines komplexen Softwareprojekts alles vollständig vorhersagen.

Der Trugschluss der Vollständigkeit

In der Welt der repetitiven, bekannten Probleme – wie dem Bau eines Standardhauses – funktioniert die Wasserfall-Planung. Aber bei der Entwicklung neuer, innovativer Software betreten wir Neuland. Hier ist die Annahme der vollständigen Planbarkeit eine gefährliche Illusion.

  • Die Anforderungen ändern sich: Der Markt entwickelt sich weiter, Wettbewerber bringen neue Features, Nutzerfeedback kommt herein. Was heute eine brillante Idee ist, kann in sechs Monaten veraltet sein.
  • Wir werden alle schlauer: Das Team und der Kunde lernen während des Projekts dazu. Wir entdecken technische Hürden, aber auch neue Chancen. Diese Learnings nicht zu nutzen, wäre fahrlässig.
  • „Vollständig“ ist eine Fiktion: Selbst wenn der Kunde glaubt, er hätte alle Anforderungen definiert, zeigt die Erfahrung: Sobald die erste Version ausgeliefert ist, kommen die wirklich wichtigen Änderungswünsche.

Wenn wir also auf dem traditionellen Planungsmodell beharren – erst eine monatelange Konzeptions- und Designphase, dann die iterative Umsetzung –, ist es bereits zu spät. Das Fundament wurde auf Annahmen gebaut, die längst nicht mehr gelten. Wir haben ein perfektes Haus für eine Welt entworfen, die es nicht mehr gibt.

Die Gartenmauer-Lektion: Vom Vertrag zur Partnerschaft

Jemand auf Mastodon erzählte mir eine wunderbare Geschichte, die das agile Mindset perfekt illustriert. Er wollte in seinem Garten eine Steinmauer bauen lassen. Aber er wollte nicht irgendeine Mauer, er wollte eine schöne Mauer, die genau seinen Vorstellungen entsprach.

Anstatt einen klassischen Werkvertrag abzuschließen („Baue mir eine Mauer nach diesen Spezifikationen für Preis X“), schloss er einen Dienstleistungsvertrag ab. Er bezahlte den Handwerker für seine Zeit und seine Expertise. Er arbeitete jeden Tag mit ihm zusammen, gab kontinuierlich Feedback und traf Entscheidungen im laufenden Prozess.

Warum? Weil er verstanden hatte, dass er das bestmögliche Ergebnis nicht durch eine detaillierte Spezifikation am Anfang, sondern durch eine enge Zusammenarbeit während des gesamten Prozesses erreichen würde. Er hat einen agilen Vertrag für den Bau einer Mauer abgeschlossen.

Fazit: Wir müssen die Denkweise ändern, nicht nur die Methode

Dieses Kapitel hat den Kernkonflikt der agilen Zusammenarbeit auf den Punkt gebracht: Der Wunsch nach einem perfekten Plan trifft auf die Realität des Neulands. Wir haben gesehen, dass das Festhalten am traditionellen Modell der Vorab-Spezifikation ein Trugschluss ist, der oft zum falschen Ergebnis führt. Die Geschichte der Gartenmauer liefert den entscheidenden Denkanstoß: Der Weg zu exzellenten Resultaten führt nicht über einen starren Vertrag, sondern über eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die auf kontinuierlichem Feedback und gemeinsamer Lösungsfindung basiert.

Aber was können wir machen, wenn der Kunde nicht mitzieht? Das schauen wir uns im nächsten Kapitel an.

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