Mehr Arbeit macht eine falsche Priorität nicht richtiger

Das ist der erste Gastbeitrag auf meinen Aufruf. Jens Klabunde baut ein Ergonomie-Portal. Kein Team, kein Jira, kein Sprint. Trotzdem beschreibt er genau den Kreislauf, um den es hier immer geht: Arbeit erzeugt ein Signal, das Signal liegt auf dem Tisch, und die Entscheidung bleibt aus. Bei ihm heißt das Search Console und ein Planer-Tool, das zwei Tage pro Woche frisst. In deinem Team heißt es das Projekt, das keiner stoppt, weil schon so viel drinsteckt. Der Mechanismus ist derselbe. Lies den Text mit einer Frage im Kopf: Wo bekommst du Feedback und ziehst keine Konsequenz daraus?
Als ich mit Homeoffice Hero angefangen habe, war mein Plan ziemlich simpel: Ich schreibe gute Ratgeber rund um Homeoffice und Schreibtische, veröffentliche regelmäßig neue Beiträge und werde darüber irgendwann bei Google gefunden.
Meine Rechnung war ungefähr: Wenn ein Artikel ein bisschen Reichweite bringt, bringen viele Artikel irgendwann viel Reichweite.
Klang für mich logisch. Also schrieb ich.
Ich veröffentlichte die ersten größeren Beiträge, steckte viel Zeit in Recherche und war ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. Danach öffnete ich regelmäßig die Google Search Console, um zu schauen, was passiert.
Erst einmal passierte gar nichts. Der Klickzähler stand auch nach Wochen noch auf null.
Das war der erste Moment, in dem mein Plan und die Realität nicht mehr besonders gut zusammenpassten.
Mein erster Fehler war nicht der Plan
Heute würde ich nicht sagen, dass mein ursprünglicher Plan schlecht war.
Irgendwo musste ich anfangen. Ohne eine Vorstellung davon, was ich machen wollte, wäre vermutlich überhaupt nichts entstanden.
Der Fehler kam danach.
Meine erste Reaktion auf die fehlende Reichweite war nämlich nicht: Vielleicht ist meine Annahme falsch.
Meine Reaktion war eher: Dann muss ich eben noch mehr und noch bessere Inhalte produzieren.
Ich machte also zunächst mehr von dem, was offensichtlich noch nicht funktionierte.
Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass ein weiterer allgemeiner Homeoffice-Artikel nicht automatisch wertvoller wird, nur weil er länger ist oder weil bereits zwanzig andere Beiträge daneben stehen.
Ich musste viel spezifischer werden.
Eigene Bilder. Eigene Erfahrungen. Produkte tatsächlich benutzen. Schwächen nennen. Themen behandeln, bei denen ein Leser nach dem Artikel wirklich mehr weiß als vorher.
Ich habe deshalb auch aufgehört, Inhalte allein deshalb zu veröffentlichen, weil sie sich schnell produzieren lassen. Rein KI-erzeugte Beiträge ohne eigene Erfahrungen, eigene Bilder oder wirkliche Einordnung passten irgendwann nicht mehr zu dem, was ich aufbauen wollte.
Nicht, weil KI grundsätzlich schlecht wäre. Ich nutze sie selbst.
Aber ein weiterer Text, der nur das zusammenfasst, was bereits hundert andere Seiten geschrieben haben, löst kein Problem.
Weder für den Leser noch für mich.
Dann wurde aus „nebenbei“ ziemlich schnell sehr viel Arbeit
Auch bei meiner eigenen Arbeitsweise lag ich daneben.
Mein Plan für Homeoffice Hero war ursprünglich: Ich baue das Portal abends und am Wochenende flexibel nebenbei auf.
Ein bisschen schreiben. Hier ein Foto. Dort einen Beitrag überarbeiten.
In meinem Kopf klang das erstaunlich entspannt.
Die Realität bestand irgendwann aus eigenen Bildern, Produkttests, Recherche, technischen Anpassungen, Auswertungen, neuen Ideen und Überarbeitungen bestehender Inhalte.
Und all das konkurrierte mit einem normalen Alltag.
Ich habe zwei Kinder und einen Hund. Wenn ein vermeintliches Nebenprojekt regelmäßig große Teile des Wochenendes auffrisst, merkt irgendwann nicht nur derjenige am Laptop, dass der ursprüngliche Plan ein Problem hat.
Ich musste also nicht nur verändern, was ich veröffentliche. Ich musste verändern, wie ich überhaupt arbeite.
Heute trenne ich meine Zeiten deutlich stärker. Zu Hause haben wir dafür sogar ein einfaches Ampelkarten-System eingeführt. Es zeigt, wann ich gerade wirklich konzentriert an der Seite arbeite und möglichst nicht gestört werden sollte.
Das klingt banal.
Für mich war es aber eine wichtige Erkenntnis: Mehr Einsatz ist nicht automatisch die richtige Antwort auf ein Problem.
Manchmal braucht man nicht mehr Stunden, sondern eine andere Entscheidung. Diese Lektion musste ich allerdings noch ein zweites Mal lernen.
Und diesmal deutlich teurer.
Der Homeoffice-Planer, den ich unbedingt zum Funktionieren bringen wollte
Eine Idee fand ich besonders gut: einen Homeoffice-Planer.
Ich hatte vorher im Netz gesucht und nichts gefunden, das genau das machte, was ich mir vorgestellt hatte.
Der Nutzer sollte sein Budget angeben können und darauf basierend passende Produkte vorgeschlagen bekommen. Gleichzeitig sollte der Planer ergonomische Hinweise berücksichtigen.
Für mich war das genau die Art von Inhalt, mit der ich mich von normalen Ratgebern unterscheiden wollte.
Also fing ich an zu bauen. Und der Code wurde umfangreich. Sehr umfangreich.
Ich verbrachte Tage damit. Über einen längeren Zeitraum gingen teilweise zwei bis drei Tage pro Woche allein für diesen Planer und den dazugehörigen Beitrag drauf.
Irgendwann schaute ich auf die Daten. Die Entwicklung entsprach überhaupt nicht dem, was ich erwartet hatte. Eigentlich wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen, die Idee erst einmal liegenzulassen.
Habe ich aber nicht gemacht. Ich erweiterte stattdessen den Beitrag. Ich ergänzte Informationen. Ich schrieb Teile um.
Ich veränderte die Ausrichtung stärker in Richtung Ergonomie, dann schaute ich wieder in die Search Console. Die Positionen bewegten sich trotzdem nicht so, dass der zusätzliche Aufwand für mich gerechtfertigt gewesen wäre.
Und wieder investierte ich Arbeit.
Rückblickend ist das einer der interessantesten Fehler, die ich bei dem Projekt gemacht habe.
Die Daten waren vorhanden und ich habe sie gesehen. Ich habe nur keine Konsequenz daraus gezogen.
Je mehr Zeit bereits in dem Planer steckte, desto schwieriger wurde es für mich, ihn einfach liegenzulassen. Schließlich war die Idee doch gut. Der Code war aufwendig. Ich hatte etwas gebaut, das ich so bei anderen Seiten nicht gefunden hatte.
Es musste doch nur noch ein bisschen besser werden. Genau das war der Denkfehler. Mehr Arbeit macht eine falsche Priorität nicht richtiger.
Irgendwann habe ich aufgehört, weitere Tage hineinzustecken.
Der Planer ist damit nicht für immer gescheitert. Vielleicht war die Ausrichtung falsch. Vielleicht war das Projekt insgesamt noch zu klein. Vielleicht war der Zeitpunkt schlecht. Vielleicht interessiert das Angebot tatsächlich weniger Menschen, als ich angenommen hatte.
Ich weiß es nicht.
Was ich aber weiß: Zu diesem Zeitpunkt gab es für mich keinen vernünftigen Grund, weiterhin zwei oder drei Arbeitstage pro Woche darin zu versenken.
Das musste reichen.
Dann überraschte mich ausgerechnet eine günstige Handballenauflage
Das Interessante daran ist: Die Daten sagen mir nicht nur, womit ich aufhören sollte.
Manchmal zeigen sie mir auch etwas, das ich selbst überhaupt nicht auf dem Zettel hatte.
Während ich viel Energie in große Ideen wie den Homeoffice-Planer gesteckt hatte, überraschte mich ein deutlich unspektakulärerer Beitrag.
Es ging um eine günstige Handballenauflage.
Kein großes Tool. Kein komplexer Code. Keine Idee, bei der ich vorher dachte: Das wird eines der wichtigsten Dinge auf meiner Seite. Trotzdem entwickelte sich dieser Beitrag besser, als ich erwartet hatte.
Das war für mich fast noch lehrreicher als der Planer.
Auf der einen Seite stand eine Idee, die ich selbst für besonders wertvoll hielt und in die ich enorm viel Zeit investiert hatte.
Auf der anderen Seite stand ein kleines, konkretes Thema, bei dem die Nutzer offenbar stärker signalisierten: Das interessiert mich.
Seitdem versuche ich vorsichtiger damit zu sein, meine eigene Begeisterung mit tatsächlichem Bedarf zu verwechseln.
Das eine kann mit dem anderen zusammenfallen. Muss es aber nicht.
Heute plane ich kürzer
Ich habe deshalb nicht aufgehört zu planen. Im Gegenteil.
Ich plane heute wahrscheinlich bewusster als am Anfang, nur nicht mehr so weit im Voraus.
Ich entscheide nicht mehr für Monate, welche dreißig Beiträge unbedingt veröffentlicht werden müssen und arbeite diese Liste dann ab, egal was passiert.
Einmal pro Woche schaue ich mir die Zahlen in der Search Console an.
Mich interessiert dabei vor allem: Steigen die Klicks? Welche Beiträge entwickeln sich? Wo entsteht überhaupt eine Reaktion?
Das ist kein kompliziertes Dashboard und auch keine mathematische Wissenschaft. Ich möchte zunächst wissen, ob die Realität irgendein Signal zurückgibt.
Wenn ein Beitrag erste interessante Entwicklungen zeigt, schaue ich genauer hin.
Vielleicht lohnt sich eine Überarbeitung. Vielleicht fehlt eine Information. Vielleicht kann ich das Thema mit eigenen Erfahrungen ergänzen. Andere Inhalte lasse ich zunächst einfach laufen.
Und wenn etwas über längere Zeit sehr viel Arbeit kostet, ohne dass ich irgendeine Entwicklung erkenne, versuche ich heute eher, es vorerst zu stoppen.
Das fällt mir immer noch nicht leicht.
Denn natürlich möchte man Ideen, in die bereits viel Zeit geflossen ist, nicht einfach liegenlassen.
Aber die Alternative kenne ich mittlerweile auch: noch mehr Zeit investieren, nur weil man bereits viel Zeit investiert hat.
Zahlen entscheiden trotzdem nicht für mich
Eine Zeit lang hätte ich das wahrscheinlich mit „Daten schlagen Bauchgefühl“ zusammengefasst.
Heute finde ich auch das zu einfach.
Die Search Console sagt mir nicht, was ich als Nächstes tun soll. Sie sagt mir auch nicht, ob eine Idee grundsätzlich gut oder schlecht ist.
Und sie kann mir schon gar nicht garantieren, dass ein Beitrag, der heute kaum sichtbar ist, in sechs Monaten nicht doch funktioniert.
Daten nehmen mir die Entscheidung nicht ab. Sie zwingen mich aber dazu, meine Annahmen zu überprüfen.
Das ist für mich mittlerweile der entscheidende Unterschied.
Wenn ich überzeugt bin, dass ein Thema großartig ist, die Realität aber über längere Zeit keinerlei Reaktion zeigt, habe ich zumindest einen Grund, meine Überzeugung noch einmal zu hinterfragen.
Umgekehrt gilt dasselbe: Wenn ein kleiner Beitrag plötzlich besser funktioniert als erwartet, sollte ich ihn nicht ignorieren, nur weil er in meinem ursprünglichen Plan keine große Rolle gespielt hat.
Feedback bringt mir schließlich nichts, wenn ich es mir jeden Freitag anschaue und am Montag exakt so weiterarbeite wie zuvor.
Ich habe nie beschlossen, agil zu arbeiten
Als ich das Projekt gestartet habe, wollte ich keine agile Methode ausprobieren. Ich wollte eine Website aufbauen und dachte dabei weder an Scrum noch an Sprints oder andere Frameworks.
Erst im Rückblick erkenne ich den Ablauf: eine Idee klein genug umsetzen, beobachten, was tatsächlich passiert, und die nächste Entscheidung daran ausrichten. Dazu gehört, bestehende Inhalte zu verändern, Vorhaben zu stoppen und unerwartete Signale ernster zu nehmen als die eigene Begeisterung.
Das klappt nicht immer; der Homeoffice-Planer ist der beste Beleg dafür. Aber es geht auch nicht darum, jede Fehlentscheidung zu verhindern. Entscheidend ist, eine falsche Priorität nicht allein deshalb weiterzuführen, weil bereits viel Arbeit darin steckt.
Einen Plan brauche ich weiterhin. Er legt fest, was ich als Nächstes versuche – nicht, was ich trotz besserer Erkenntnisse weiterführen muss.
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