Cylenivo: ein Werkzeug, kein Cockpit

Die meisten Flow-Tools tun so, als wäre ihr eigentlicher Kunde der Manager. Dashboard, Ampel, Heatmap, fertig ist das Reporting. Das Team kommt in dieser Geschichte nur als Datenlieferant vor.

Das ist einer der Gründe, warum ich Cylenivo entwickelt habe (ein zweiter ist, dass Jira einfach keine guten und sinnvollen Reportings hat).

Worum es geht

Cylenivo ist eine kleine kostenlose Desktop-App (Windows, Mac und Linux), die Cycle Time, Lead Time, Throughput, Time in Status und Rework aus deinen Ticketdaten rechnet. Dabei holt sie sich die Daten aus Jira oder via Plugins aus Trello oder OpenProject und verarbeite sie lokal. 

Das ist der ganze Trick: ein Erkenntnis-Tool, kein Überwachungs-Tool.

Warum ich das gebaut habe

Weil ich wissen wollte, wie lange Tickets bei uns wirklich liegen. Nicht „wie lange ist done_date – start_date", sondern wo die Zeit tatsächlich versickert. In welchem Status. Wie oft laufen Tickets rückwärts ("Rework"). Welcher Workflow-Schritt ist der heimliche Bremsklotz.

Diese Fragen kannst du in keinem PM-Tool sauber beantworten, weil die meisten Tools mit Ticket-Feldern rechnen. Cylenivo rechnet mit Statuswechseln und benutzt dabei jeder einzelne Übergang from_status → to_status mit Zeitstempel. Das ist der Unterschied zwischen „das Ticket war 12 Tage offen" und „das Ticket war 4 Tage in Review, dann 6 Tage zurück in Dev, dann nochmal 2 Tage in Review". Die zweite Geschichte ist die interessante.

Was du damit im Team machst

Ihr schaut euch gemeinsam die Cycle-Time-Verteilung an. P50, P85, P95. Die Frage ist nicht „wer ist langsam". Die Frage ist „was lernen wir daraus".

Wenn die P85 doppelt so hoch ist wie die P50, hast du ein Outlier-Problem: irgendwo passiert regelmäßig etwas, was Tickets zurückwirft. Schau in die Rework-Analyse. Welcher Statuspfad wird am häufigsten rückwärts gegangen? Welche Tickets sind betroffen? Das ist eine Diagnose, kein Urteil.

Genau das macht Cylenivo zu einem Werkzeug für die Work–Feedback Loop: Du verkürzt die Schleife zwischen „wir arbeiten" und „wir sehen, was unsere Arbeit bewirkt". Sichtbarkeit über echte Durchlaufzeit + Rework gibt dem Team etwas, womit es seinen eigenen Prozess anpassen kann. Ohne dass jemand von außen kommt und „Maßnahmen" definiert.

Was es nicht ist

Cylenivo ist kein Velocity-Dashboard fürs Management. Cylenivo hat keine Personenmetriken oder Geschwindigkeits-Bestenlisten. Wer Cylenivo nutzt, um einzelne Entwickler zu vergleichen, hat das Tool nicht verstanden und wird mit den Daten ohnehin nichts Sinnvolles anfangen können.

Was es kann: Monte-Carlo-Forecasts. Wenn dich jemand fragt, wann die nächsten 30 Tickets fertig sind, simulierst du das einmal aus den letzten Wochen Throughput und gibst eine ehrliche Bandbreite zurück. Keine erfundene Deadline, keine Story-Point-Magie.

Wo die Daten bleiben

Auf deiner Maschine: Wir benutzen eine SQLite-Datei im App-Verzeichnis. Wenn du die KI-Analyse nutzen willst, kannst du Ollama lokal anschließen oder einen externen Provider deiner Wahl konfigurieren. Aber niemand zwingt dich, Engineering-Daten in eine Cloud zu kippen, deren Geschäftsmodell du nicht kennst. Das ist mir wichtig genug, dass es eine Designentscheidung war, kein Feature-Bullet.

Wenn du es ausprobieren willst

Cylenivo ist Open Source (MIT + Commons Clause), läuft auf macOS, Linux und Windows und hat ein Plugin-System für Datenquellen jenseits von Jira. Die App lebt unter cylenivo.org, der Code ist auf github.com/nobsagile/cylenivo.

Wenn du ein Team hast, das ehrlich auf seine eigene Arbeit schauen will, ist die App vielleicht etwas für dich. Wenn du ein Reporting-Tool für die nächste Steuerungsrunde suchst, gibt es bessere Optionen.

Schreib mir gern, wie es bei dir läuft – nobsagile@gmail.com oder https://mastodon.social/@cylenivo auf Mastodon.

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