Post-Agile
Post-Agile bezeichnet keine Methode und keine Epoche, sondern eine Debatte darüber, ob agiles Arbeiten überholt ist. Wer den Begriff benutzt, meint meist etwas anderes als sein Nachbar. Gemeinsam ist den Lesarten nur die Vorsilbe.
Geprüft am 2026-08-16 · Thomas Esders · CC BY-SA 4.0
Durch die Work–Feedback Loop betrachtet
Post-Agile ist der einzige Begriff in diesem Register, bei dem der Begriff selbst der Gegenstand ist.
Er suggeriert eine Zeit nach der Agilität, in der ihre Prinzipien überholt sind und etwas Neues gebraucht wird. Oft schwingt die These „Agile is dead“ mit. Was genau an ihre Stelle treten soll, bleibt bei fast allen offen, die den Begriff verwenden.
Die Kritik dahinter ist berechtigt, und zwar in zwei Punkten. Agile Methoden haben sich vielerorts zu starren Regelwerken entwickelt, in denen Rituale abgearbeitet werden, ohne dass jemand ihren Zweck prüft. Und interne Kennzahlen wie Velocity oder Story Points haben den Blick auf das verstellt, was am Ende zählt: ob das Ergebnis dem Kunden hilft.
Nur ist beides keine Abkehr von agilem Arbeiten. Es ist eine Rückbesinnung auf seinen Kern. Das agile Manifest hat nie etwas von Velocity gesagt.
Damit lässt sich die Debatte auf einen Satz bringen. Das Label mag verbrannt sein. Das Handwerk lebt.
Durch die Work–Feedback Loop gelesen ändert die Debatte nichts an der Lage. Die Bedingungen, die agiles Arbeiten nötig gemacht haben, sind dieselben geblieben: Das Ziel ist bekannt, der Weg nicht, und wer nicht schnell aus der Wirkung seiner Arbeit lernt, baut am Bedarf vorbei. Eine Vorsilbe hebt das nicht auf.
Häufiges Missverständnis
Der häufigste Fehler ist, Post-Agile für eine Sache zu halten, über die man streiten könnte. Es sind mindestens vier verschiedene Behauptungen, die denselben Namen tragen.
Die erste ist die Balance-These: Klassisches und agiles Vorgehen sollen je nach Kontext gemischt werden. Die zweite beschreibt eine Organisationsform, die auf agile Strukturen folgen soll. Die dritte ist Kritik an der Kommerzialisierung agiler Methoden und meint ausdrücklich nicht das Ende agilen Arbeitens. Die vierte ist ein Etikett für Beratungsangebote.
Wer über Post-Agile diskutiert, ohne vorher zu klären, welche der vier Behauptungen gemeint ist, führt vier Gespräche gleichzeitig, kommt in keinem davon zu Ende und hält am Schluss die Verwirrung für einen Beleg dafür, dass an der Sache etwas dran sein muss.
Der zweite Fehler ist, die Debatte für ergebnisoffen zu halten. Sie hat Treiber. Beratungen, die jahrelang agile Transitionen verkauft haben, brauchen ein nächstes Produkt, sobald Scrum und SAFe überall eingeführt sind und der Markt für Einführungen ausgeschöpft ist. Dazu kommt der KI-Hype mit der Behauptung, Werkzeuge würden Coaches und Scrum Master ersetzen. Beides erklärt die Konjunktur des Begriffs besser als ein Erkenntnisfortschritt.
Was das in der Praxis heißt
Die nützlichere Frage lautet nicht, ob wir post-agil sind, sondern wo im Lernprozess ihr steht.
Das Shuhari-Modell aus dem Kampfsport beschreibt drei Phasen. Shu heißt, die Regeln zu befolgen, bis das System dahinter verstanden ist. Ha heißt, sie begründet zu brechen und anzupassen. Ri heißt, sich von ihnen zu lösen, weil die Prinzipien so verinnerlicht sind, dass eigene Praktiken entstehen.
Wer über das Ende der Agilität klagt, hat meist die erste Phase nie abgeschlossen. Die Regeln wurden imitiert, das Fundament nie verstanden, und was danach als Enttäuschung über eine Methode erscheint, ist in Wahrheit ein Befund über ihre Einführung und kein Urteil über die Sache selbst.
Die Probe dazu ist kurz. Frag im Team, welche Regel ihr zuletzt bewusst gebrochen habt und mit welcher Begründung. Wenn keine Antwort kommt, seid ihr in Shu und nicht post-irgendwas. Wenn eine kommt, seid ihr in Ha, und auch das ist kein neues Zeitalter, sondern der vorgesehene zweite Schritt.
Meisterschaft kommt nach den Regeln, nicht davor.
Verwandte Begriffe
- Siehe auchCargo Cult Agility – die Ursache hinter der Klage: imitierte Regeln ohne Fundament
- Siehe auchShuhari – das Modell, das die Frage nach dem Danach besser beantwortet